Im dreitägigen Workshop «Poetische Geisterbahn im Schulhaus» tauchen die Schülerinnen und Schüler ein in die faszinierende Welt des Unheimlichen. Das Angebot eröffnet einen sinnlichen Zugang zu Poesie und Performance: Schreiben, Filmen, Szenografie und Rezitieren verschmelzen zu einem Gesamterlebnis, bei dem sich die Kinder und Jugendlichen neu entdecken können. Die Klasse erschafft eigene lyrische Fragmente und mystische Bilder und entwickelt daraus eine performative, multimediale Geisterbahn. Diese zieht sich durch verschiedene Räume des Schulhauses und kann von anderen Schulklassen und weiterem Publikum besucht werden.
Schule+Kultur wollte von den beiden Projektleiterinnen wissen, wie man sich dieses Projekt konkret im Schulhaus vorstellen darf – und wann ihre persönliche Faszination für das Schaurig-Schöne begonnen hat.
Wie seid ihr auf die Idee gekommen, die Schule in eine Geisterbahn zu verwandeln?
Bettina Eberhard (BE): Uns hat schon lange interessiert, die Lyrik in den Raum zu bringen. Wir haben uns überlegt, wie wir Schüler/innen dazu ermutigen können, Lyrik als performative Form wahrzunehmen und sich darin auszuprobieren. Lyrik in Bewegung – das hat uns schliesslich zur poetischen Geisterbahn gebracht.
Der Workshop bewegt sich an der Schnittstelle von Lyrik, Szenografie, Film und Performance. Wie bringt ihr alle diese Elemente konkret zusammen?
BE: Es ist uns wichtig, keine vorgegebenen Elemente zu platzieren. Wir wünschen uns, in einen Dialog über diese Ausdrucksweisen und Ebenen des Schaurig-Poetischen mit den Schüler/innen zu kommen, indem wir kurze lyrische Momente mit all diesen Ebenen zu Beginn des Workshops «aufführen».Dabei ist uns die Wahrnehmung wichtig: Was sehen die Schüler/innen? Welche Medien, welche unterschiedlichen Ausdrucksweisen nehmen sie wahr? Wie verändert sich eine Idee durch das Medium?
In Bezug auf Lyrik haben viele Menschen eine Hemmschwelle – nicht nur Schüler/innen. Wie geht ihr mit dieser Schwellenangst um?
Svenja Herrmann (SH): Etwas Schwellenangst ist in einer Geisterbahn fast schon Programm! Wenn eine Geisterbahn beginnt, hat man auch gewisse Bedenken: Was kommt jetzt? Wo, wann und wie kann ich mich orientieren? Wie gehe ich mit Überraschungen und neuen Aufgaben um? Und wir machen keinen Literaturunterricht, sondern geben den Rahmen, das schaurig-schön Poetische und Berührende in den Dingen selbst zu entdecken, zu entwickeln und zu kreieren. Das hebelt die Schwellenangst aus.
Der Fantasie sind in diesem Workshop kaum Grenzen gesetzt – was sind die aus eurer Sicht bisher gelungensten Geisterbahn-Elemente von Schüler/innen?
BE: Für mich sind die ersten kleinen Skizzen, welche die Schüler/innen frei und noch ohne konkretes Ziel erarbeiten, besonders präsent. So entstand beispielsweise ein Moment, in dem plötzlich ein Gedicht mehrstimmig im Raum erklang. Der Inhalt war geisterhaft und die Präsentation hat dies durch die Mehrstimmigkeit eingefangen.
SE: Auch für mich bleibt dieser Moment in starker Erinnerung und ich kann von einer weiteren kleinen Szene berichten: Im Klassenraum waren die Tische an die Wände geschoben und in der Raummitte lag jemand unter einem weissen Tuch, das sich langsam bewegte. Das war ein poetisch-schauriger Moment, bei dem mit wenigen Mitteln etwas Schauriges geschaffen wurde. Das Schaurig-Poetische liegt in der Reduktion und Verdichtung. Das ist auch Lyrik.
Welche Möglichkeiten bietet der Workshop in Bezug auf die Einbettung in den Unterricht?
SE: Unsere poetische Geisterbahn deckt viele Gesichtspunkte ab. Von der Vermittlung von Literaturwissen (Genres, Literaturgeschichte) über Gestaltung bis hin zur Auftrittskompetenz gibt es zahlreiche Einbettungsmöglichkeiten. Überfachliche Kompetenzen wie Wahrnehmung, Ausdruck, Zusammenarbeit und Reflexion sind ebenfalls wichtige Bestandteile unseres Workshops. Zudem spielt die Entdeckung des Zusammenspiels von Sprache, Bild und Raum eine tragende Rolle.
Und wann ist eure eigene Liebe für das Schaurig-schöne erwacht?
BE: Ich mochte schon immer das Groteske, das absurd und gleichzeitig komisch oder gruselig ist. Da liegen Geisterbahnen nahe. Wir besuchten gemeinsam in Basel die Kunst-Geisterbahn von Rebecca Moss und Augustin Rebetez im Museum Tinguely. Wir konnten gar nicht mehr aufhören zu fahren.
SE: Meine Liebe für schaurig-schöne Texte wurde durch die Lektüre von Geschichten oder Gedichten aus der Romantik entfacht. Auch die schaurig-düsteren Gedichte des Expressionismus wirkten wie Magnete auf mich. Zu meinen «schaurigen» Lieblingsbüchern zählen «Meister und Margarita» von Bulgakow und «Ich habe dem englischen König bedient» von Bohumil Hrabal, in denen das Absurde, Unheimliche, Groteske und Surreale eine zentrale Rolle spielen.
Zum Angebot «Poetische Geisterbahn im Schulhaus»
geeignet für 4.–6. Primarklasse, Sek I+II
Literarisch ist Svenja Herrmann vor allem als Lyrikerin tätig und engagiert sich zudem als Herausgeberin von Lyrik und Büchern zum Thema Menschenrechte. 2007 hat Svenja Herrmann «Schreibstrom» in Zürich gegründet, dem die Idee zugrunde lag, Kindern und Jugendlichen ein literarisches Zuhause zu bieten. «Schreibstrom» hat sich seitdem zu einem Ort für die Förderung der Poesie und der Begabtenförderung und Lerntherapie für Kinder und Jugendliche weiterentwickelt.
Als Künstlerin und Kunstvermittlerin interessiert sich Bettina Eberhard für die Schnittstelle von Kunst und Bildung. Mit reflexiven künstlerisch-kulturvermittelnden Strategien initiiert sie Prozesse, die Perspektivwechsel und gesellschaftliche Entwicklung ermöglichen. Wie in ihrer künstlerischen Praxis arbeitet sie auch in der Vermittlung spartenübergreifend und multimedial und entwickelt emanzipatorische Transformations- und Aktionsräume. Bei «Kinokultur für die Schule» arbeitet sie an der Schnittstelle von Film, Vermittlung und gesellschaftlicher Teilhabe.