Jourdan Josia
Themen: KI, Social Media, Arbeit, Medien
Josia Jourdan, arbeitet als Kulturjournalist, Content Creator und Kolumnist für diverse Medien (die Zeit, SRF, Berliner Zeitung) und betreibt nebenbei den grössten Schweizer BookTok-Account. Er lebt aktuell in Berlin. «Fehlfunktion» ist sein erster Essayband. In den Texten geht es um Themen wie Digitalität, Queerness und die Lebensrealität der Generation Z.
Besonderes
Dialog mit einer KI auf der Bühne eingeplant
Werke
- Fehlfunktion, ab 15 Jahren
Leseprobe aus «Fehlfunktion: Essays & Reflexion mit KI»
Wir leben in einer Welt voller Fehlfunktionen. Systeme, die behaupten zu funktionieren, tun es meist nur für einige wenige. Kapitalismus, Politik, Bildung, soziale Netzwerke – alles basiert auf einem Grundgerüst, das bei genauer Betrachtung brüchig ist. Wir akzeptieren es, weil es seit Generationen funktioniert hat oder zumindest so getan hat, als würde es funktionieren. Fortschritt ist ein Versprechen, das uns versichert, dass diese Systeme irgendwann gerechter, zugänglicher, effektiver sein werden. Aber wann ist das jemals passiert? Die Systeme, die uns prägen, sind nicht dafür gemacht, dass alle profitieren. Sie sind darauf ausgelegt, sich selbst zu erhalten. Wachstum um jeden Preis. Optimierung ohne Rücksicht auf Verluste. Kapitalismus funktioniert nicht, wenn wir alle genug haben. Social Media funktioniert nicht, wenn wir zufrieden sind. Bildung funktioniert nicht, wenn wir keine Arbeitskräfte produzieren. Und trotzdem tun wir so, als könnten wir diese Systeme mit kleinen Anpassungen reparieren. Vielleicht ist es aber nicht unser Fehler, dass wir scheitern. Vielleicht ist es einfach das System selbst, das von Grund auf dysfunktional ist. Vielleicht sind unsere eigenen Fehlfunktionen – Zweifel, Ambivalenz, Wut – nicht das Problem, sondern der einzige Weg, uns nicht komplett anzupassen. Ein Versuch, das zu retten, was noch menschlich ist. Fehlfunktion bedeutet nicht nur, dass etwas nicht richtig funktioniert. Es bedeutet auch, dass etwas nicht den Erwartungen entspricht, die wir an es stellen. Aber was, wenn diese Erwartungen das Problem sind? Wenn unsere Vorstellung davon, was Erfolg, Glück, Stabilität sein soll, selbst eine Fehlfunktion ist? Dieser Essayband ist eine Sammlung von Fehlfunktionen. Gedanken, die nicht immer schlüssig sind. Widersprüche, die sich nicht auflösen lassen. Kritik, die auch mich selbst trifft. Vielleicht kann man in einer dysfunktionalen Welt nur funktionieren, indem man fehlfunktioniert. Denn vielleicht ist es die Fehlfunktion, die uns erkennen lässt, dass etwas falsch läuft. Die uns herausfordert, das System zu hinterfragen. Und wenn wir akzeptieren, dass Perfektion eine Illusion ist, könnten wir anfangen, mit unseren Fehlern zu arbeiten, statt sie zu verbergen. Fehlfunktion. Ein Titel, der sowohl Scheitern als auch Potenzial beinhaltet. Ein Hinweis darauf, dass das Unvollständige nicht weniger wertvoll ist. Dass der Versuch zu scheitern Teil des Prozesses ist.