Stamm Peter
Themen: Liebe, Kommunikation, Fiktion und Realität
Peter Stamm, (*1963). Seit 1990 freier Autor. Längere Auslandaufenthalte, u.a. in Paris, New York und Berlin. Lebt mit seiner Familie in Winterthur. Er schreibt Prosa, Hörspiele, Theaterstücke und Kinderbücher. Zuletzt erschienen 2023 der Roman «In einer dunkelblauen Stunde» und 2025 die Erzählsammlung «Auf ganz dünnem Eis». Werke von ihm wurden in 41 Sprachen übersetzt.
Besonderes
Wenn die Schüler/innen den Text vorbereitet haben, lege ich den Fokus auf Fragen und Antworten. In den Fragen kann es um den Text gehen, aber auch um das Leben als Autor und das kreative Schreiben im Allgemeinen.
Werke
- Agnes, Roman
- In fremden Gärten, Erzählungen
- Auf ganz dünnem Eis, Erzählungen
- Seerücken, Erzählungen
- Wir fliegen, Erzählungen
- Der Schweizerische Robinson nach Johann David Wyss, Jugendroman
Leseprobe aus «Agnes, Roman»
Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet. Nichts ist mir von ihr geblieben als diese Geschichte. Sie beginnt an jenem Tag vor neun Monaten, als wir uns in der Chicago Public Library zum erstenmal trafen. Es war kalt, als wir uns kennenlernten. Kalt wie fast immer in dieser Stadt. Aber jetzt ist es kälter, und es schneit. Über den Michigansee kommt der Schnee und kommt der böige Wind, der selbst durch das Isolierglas der grossen Fenster noch zu hören ist. Es schneit, aber der Schnee setzt sich nicht, er wird weitergetrieben und bleibt nur liegen, wo der Wind nicht hingelangt.
Ich habe das Licht gelöscht und schaue hinaus auf die beleuchteten Spitzen der Wolkenkratzer, auf die amerikanische Flagge, die der Wind irgendwo im Licht eines Scheinwerfers hin und her schlägt, und weit hinunter auf die leeren Plätze, wo selbst jetzt, mitten in der Nacht, die Ampeln von Grün zu Rot und von Rot zu Grün wechseln, als sei nichts geschehen, als geschehe nichts. Hier habe ich mit Agnes gewohnt, in dieser Wohnung, für kurze Zeit. Wir waren hier zu Hause, aber jetzt, wo Agnes gegangen ist, ist mir die Wohnung fremd und unerträglich geworden. Nur ein Zentimeter Glas trennt mich von Agnes, nur ein Schritt. Aber die Fenster lassen sich nicht öffnen.