Mann Sunil
Themen: Sexualität, Radikalismus, Alltagsrassismus, Migration, Familie
Sunil Mann wurde als Sohn indischer Einwanderer im Berner Oberland geboren und lebt in Zürich. Er hat Psychologie und Germanistik studiert, beide Studiengänge wurden erfolgreich abgebrochen. Nach dem Abschluss der Hotelfachschule heuerte er als Flugbegleiter bei der nationalen Airline an, seit 2018 ist er freischaffender Autor.
Für sein Werk wurde er vielfach ausgezeichnet.
Besonderes
Interaktive und humorvolle Lesung, bei der der Autor Einblick in den Alltag als Schriftsteller gibt und sich Zeit für Fragen nimmt.
Werke
- In bester Absicht (Roman, Geparden Verlag, 2023) ab 14 J.
- Bleiben tun sie nie (Erzählband, Geparden Verlag, 2025) ab 14 J.
- Der Schwur (Kriminalroman, Grafit Verlag, 2020) ab 14 J.
- Das Gebot (Kriminalroman, Grafit Verlag, 2021) ab 14 J.
- Der Kalmar (Kriminalroman, Grafit Verlag, 2023) ab 14 J.
- Ziemlich beste Verbrecher (Kriminalroman, Grafit Verlag, 2026) ab 14 J.
Leseprobe aus «Bleiben tun sie nie»
Kieselgrau. Das trifft’s. Wie diese kleinen Steine, die auf dem Grund eines Bachs liegen. Oder so. Die Pupillen schwarz, inmitten eines Kranzes winziger Sprengsel in unterschiedlichen Grautönen. Manche sind dunkel, andere beinahe weiss, sie sehen wie Lichtreflexe aus. Lichtreflexe unter Eis. Denn ihr Blick ist kalt, als sie mir die Hand reicht. Unnachgiebiger Druck, wie erwartet. Sie lächelt zwar, aber einzig die Lippen verziehen sich. Prüfend sieht sie mich an, checkt mich genau ab. Als würde sie meine Masse abschätzen, Quersummen berechnen, Wurzeln ziehen. Einordnen, damit sie von Beginn weg weiss, wie sie mich unter Kontrolle kriegt. Ich bin die Hürde, die sie nehmen muss, wenn sie bleiben will. Wenn sie es falsch angeht, kann ich zum Stolperstein werden. Womöglich sogar zum Poller. Das weiss sie so gut wie ich.
Ihre Wangen sind weich und etwas schlaff, kaum sichtbarer Flaum, feine Härchen, die im Gegenlicht hell leuchten. Doch wenn sie spricht, spannt sich die Haut über ihren Backenknochen und bringt eine ungeahnte Strenge zum Vorschein, das Kinn schiebt sich dann entschlossen vor, der Mund plötzlich schmal und hart. Papa kann sie vielleicht täuschen mit ihrem Charme, ihrer Klugheit, mit ihrer immer noch erstaunlich schlanken Taille, den prallen Titten. An mir perlt das alles ab. Ich bin nicht beeindruckt und lasse sie das auch wissen, ohne dass ich den Mund zu öffnen brauche. Als Vierzehnjährige ist man den Erwachsenen nicht annähernd so ausgeliefert, wie sie glauben.
«Es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck!» Papa lacht zu laut und zu gutgelaunt, er geht um den Wagen herum, um die Einkäufe zu holen, während sie vor mir stehenbleibt. «Läuft ganz gut, oder?», ruft er uns zu und verschwindet hinter dem hochschwingenden Kofferraumdeckel. «Ausgezeichnet», erwidert sie, ihre Stimme enthusiastisch, das Lächeln wie ins Gesicht gemeisselt. «Tilla ist schon sehr reif für ihr Alter.» Sie erniedrigt mich auf subtile Weise, daran besteht kein Zweifel. Papa hört das nicht heraus, dazu ist er zu beschäftigt mit dem Ausladen der Lebensmittel. Mir hingegen entgeht der gönnerhafte Unterton nicht. Ihr Lächeln erstirbt, die Mundwinkel hängen nun leicht herunter und lassen sie frustriert aussehen. Mit einem Mal wirkt sie zehn Jahre älter. Zeitgleich gleitet ihr Blick an mir ab, und ich glaube, etwas leicht Angeödetes darin zu erkennen. Kein übler Schachzug, Respekt. Sie versucht, mich mit meinen eigenen Mitteln zu schlagen, aber ich habe sie durchschaut. Im Angeödet-Gucken übertrumpft mich keine und keiner, das ist die einzige Disziplin, in der ich unbesiegbar bin. Sagt Mama.