Wie können Kinder und Jugendliche ihre eigenen Geschichten sichtbar machen? Genau hier setzen die partizipativen Projekte des Blickfelder Festivals an: Gemeinsam mit Künstler/innen entwickeln sie über mehrere Monate eigene Arbeiten in Tanz, Film, Musik, Theater oder visueller Gestaltung. Dabei entstehen nicht nur Performances, Installationen oder Filmpremieren – sondern auch Räume für Ausdruck, Begegnung und neue Perspektiven.
Im Gespräch mit der Projektleiterin und Tänzerin Nicole Kobler erfahren wir mehr über den partizipativen Ansatz und die Entstehung des Projekts «Tanzspuren», das mit einem Regel- und einem HPS-Kindergarten der Schule Probstei 2 in Zürich durchgeführt wurde.
Was bedeutet «partizipativ» in deinem Projekt-Kontext ganz konkret?
Kindergartenkinder entdecken ihren Körper als kreatives Werkzeug: Mit Farbe und Zeichenmitteln werden Bewegungen festgehalten «partizipativ» bedeutet in unserem Projekt, dass Kindergartenkinder aktiv am kreativen Prozess teilnehmen.
Ähnlich wie in der gesprochenen Sprache braucht es auch in der Bewegungssprache – also im Tanz – einen gewissen Wortschatz und ein Verständnis, um sich ausdrücken zu können. Die Entwicklung von Körpergefühl, Körperspannung und räumlicher Wahrnehmung spielt dabei eine zentrale Rolle. Um dennoch mit einer möglichst partizipativen Herangehensweise zu arbeiten, habe ich keine feste Choreografie bzw. kein festgelegtes Schrittmaterial mit in die Schule gebracht, sondern die Kinder dazu eingeladen, mithilfe verschiedener Bewegungsansätze ihre eigene Bewegungssprache zu entdecken. Diese Bewegungsansätze stammen aus dem Improvisationstanz und werden den Kindern spielerisch vermittelt. Dabei arbeiteten wir bewusst prozessorientiert und ohne Druck auf das fertige Produkt.
Konkret heisst das: Es wurden zwar Rahmenbedingungen mit wenigen, klaren Regeln gestellt – ein Umfeld, das Orientierung bietet. Jedoch hatten die Kinder innerhalb dieses Rahmens die Freiheit, selbstbestimmt mit Bewegung zu forschen und ihren Körper als kreatives Werkzeug zu entdecken.
Welche Planungs- und Organisationsphasen durchlief dein Projekt – von der ersten Idee bis zur Präsentation?
Ein grosser Teil der Projektarbeit fand bereits lange vor den Projekttagen in der Schule statt. Von der ersten Idee bis zur Umsetzung und Präsentation verging über ein Jahr – während zehn Halbtagen arbeitete ich schliesslich gemeinsam mit der Klasse.
Ausgangspunkt war die Anfrage der Auswahlgruppe des Blickfelder Festivals, ein partizipatives Projekt für einen integrativen Kindergarten zu entwickeln. Gemeinsam mit dem Projektkoordinator entstand daraus die Idee zu «Tanzspuren». Mit der Wahl des Kindergartens begann ein intensiver Prozess des Ausprobierens, Forschens und Experimentierens. Dabei stellten sich viele praktische Fragen: Welche Farben eignen sich für Haut und Stoff? Wie können Materialien kindgerecht und zugleich funktional eingesetzt werden? Und wie lässt sich Bewegung sichtbar machen?
Nach und nach entstand ein Konzept, das Tanz, Improvisation und visuelles Gestalten miteinander verbindet. Die Projekthalbtage wurden aufbauend gestaltet: Die Kinder experimentierten mit Bewegung, Utensilien und Farbe und entdeckten dabei spielerisch Rhythmus, Koordination sowie Körper- und Raumwahrnehmung.
Zum Abschluss entstand gemeinsam eine 16 m² grosse Leinwand – nicht nur bemalt, sondern «betanzt». Sie wird zusammen mit einer Dokumentation des Prozesses am Blickfelder Festival ausgestellt.
Welche Methoden nutzt du, um Beteiligung aktiv zu ermöglichen?
Gerade in diesem Alter sind die Entwicklungsunterschiede oft sehr gross – unabhängig davon, ob es sich um eine Regelklasse oder eine HPS-Klasse handelt. Um Beteiligung aktiv zu ermöglichen, ist es mir wichtig, jedes Kind dort abzuholen, wo es gerade steht. Oft öffnen bereits kleine Gesten Türen: ein kurzes «Einchecken», aufmerksames Zuhören oder einfache Fragen wie «Wie geht es dir?» oder «Was ist deine Lieblingsfarbe?».
Dabei war es mir wichtig, nicht nur Herausforderungen und Unterstützungsbedarfe wahrzunehmen, sondern ebenso die individuellen Stärken, Begabungen und Fähigkeiten der Kinder. Jedes Kind sollte seinen eigenen Platz im Projekt finden können.
Für die Zusammenarbeit mit der HPS-Klasse habe ich mich bereits im Vorfeld mit Piktogrammen und Gebärden auseinandergesetzt. Zudem wurde ich den Kindern früh vorgestellt, sodass sie Vertrauen aufbauen und eine Vorstellung davon entwickeln konnten, was sie erwartet.
Ein besonders wirkungsvoller Zugang war das Einsetzen von Gebärden beim Sprechen über Farben. Oft reichte diese einfache Form der Kommunikation aus, damit sich Kinder einbezogen fühlten – was sich unmittelbar in ihrer Freude und ihrem Engagement widerspiegelte.
Darüber hinaus brachte ich ein Aerial-Hammock-Tuch aus dem Zirkus mit. Es ermöglichte auch Kindern mit motorischen Einschränkungen, sich frei über die Leinwand zu bewegen und Spuren zu hinterlassen. Gleichzeitig wurde es von allen Kindern mit grosser Begeisterung genutzt – zum Schaukeln, Drehen oder kopfüber Hängen.
Gibt es noch etwas besonderes, dass du festhalten möchtest?
Ich finde es alles andere als selbstverständlich, dass Initiativen wie Schule+Kultur und das Blickfelder Festival Kunstschaffenden den Raum geben, solche Projekte zu entwickeln und umzusetzen. Die Möglichkeit, künstlerisch zu forschen, zu experimentieren und diese Erfahrungen an kommende Generationen weiterzugeben, empfinde ich als äusserst wertvoll – dafür bin ich als Künstlerin sehr dankbar.
Oft wird unterschätzt, welche nachhaltige Wirkung solche Projekte entfalten können. Sie schaffen Erfahrungsräume, die weit über den Moment hinauswirken. Gerade in einer Zeit, in der Kinder früh mit Leistungsdruck konfrontiert werden, halte ich es für besonders wichtig, Räume für freies und kreatives Entdecken zu ermöglichen.
Die Leinwand ist während des Blickfelder Festival vom 28. Mai bis 7. Juni 2026 auf dem Festivalgelände zu entdecken.
Hier finden Sie alle partizipativen Projekte des Blickfelder Festivals.
Nicole Kobler ist Bewegungskünstlerin, Tänzerin und Luftakrobatin aus der Ostschweiz. Ihre Ausbildung führte sie über Ungarn, Holland und Italien hinaus auf Bühnen in Europa, Südostasien und Südamerika. Heute verbindet sie Tanz, Zirkus und Performance und realisiert bewegungsbasierte, inklusive Projekte für Kinder.