Geschichten, die bewegen, Figuren, die im Kopf bleiben, und Begegnungen, die inspirieren: «Literatur aus erster Hand 2027» bringt die Welt der Literatur direkt ins Klassenzimmer. Über 60 Autor/innen, Illustrator/innen sowie Erzähler/innen aus der Schweiz und dem deutschsprachigen Ausland besuchen Schulen vom Kindergarten bis zur 9. Klasse. Im Gespräch mit Schule+Kultur erzählt die Autorin Dana Grigorcea, warum Lesungen für Schulklassen mehr als blosses Vorlesen sind.
Wie unterscheidet sich eine Lesung vor Schüler/innen von einer «klassischen Lesung»?
Eine Lesung für Schüler/innen ist interaktiv, lustig und zwischendurch machen wir kleine Turnübungen. Ich gebe mir viel mehr Mühe als bei einer «klassischen» Lesung, schliesslich konkurriere ich mit der Unterrichtsstunde vor und mit der nach mir. Ich muss auch die Schüler/innen begeistern, die nicht sehnsüchtig auf mich gewartet haben.
Was möchten Sie jungen Menschen durch Ihre Texte vermitteln – bewusst oder unbewusst?
Junge Menschen sollen merken, dass es bei der Literatur immer um sie selbst geht: Wenn wir über Bücher sprechen, reden wir eigentlich über uns, über das, was uns beschäftigt, was wir fühlen oder fühlen wollen. Beim Reden über Bücher kommen wir einander nahe, finden Freund/innen.
Gibt es Themen, die Schüler/innen besonders ansprechen?
Ja, das Hauptthema ist der Wunsch dazuzugehören, nicht ausgelacht zu werden und ein Zuhause zu finden. Ob ich von Bobby lese, der Angst vor einer neuen Frisur hat, vom Storch Marius, der zum ersten Mal nach Afrika fliegt, oder vom kleinen Wolf, der nicht so schnell einschlafen kann wie die anderen, es geht immer um dasselbe Thema: ich will dazugehören. Dass Deutsch nicht meine Muttersprache ist, freut in diesem Kontext jene Schüler/innen, die selber nicht Muttersprachler/innen sind oder sich das Lernen nicht immer leicht machen.
Welche Rolle spielt Ihre eigene Präsenz als Autorin auf der Bühne?
Es ist für die Schüler/innen etwas Besonderes, zu erfahren, dass eine einfache Idee zu einem Buch werden kann. Manche beginnen dann zu erzählen, dass sie sich auch Geschichten ausdenken und mal ein Buch machen wollen. Während der Lesung nehme ich mich aber als Autorin zurück und werde zu einer einfachen Vorleserin, die möglichst wenig vorwegnimmt.
Kann Literatur Räume öffnen, die im Schulalltag sonst wenig Platz haben?
Sicher. Literatur behandelt alle Themen, die auch in der Schule behandelt werden, ist aber spannend und bleibt in Erinnerung, weil die Schüler/innen sich darin spiegeln können.
Was braucht es, damit Literaturvermittlung in Schulen wirklich gelingt?
Es braucht begeisterte Vermittler/innen und einen guten Austausch mit den Schüler/innen. Auch braucht es mehr Stunden für Literaturvermittlung, denn Literatur hat heutzutage gegen die Handysucht der meisten Kinder zu bestehen.
Was sollen Schüler/innen aus einer Lesung mitnehmen?
Mein Ziel ist es, für meine Bücher, aber auch für Bücher im Allgemeinen zu begeistern. Sie sollen sich an die Geschichte erinnern und an das positive Gemeinschaftserlebnis.
Welche Bedeutung hat Literaturvermittlung in Schulen für die Zukunft von Literatur insgesamt?
Ohne Literaturvermittlung in Schulen wird die Literatur massiv an Bedeutung verlieren. Aktuell ist das Publikum bei Lesungen 60+.
Literatur aus erster Hand 27 – Fokus Volksschulen
jeweils Januar – April (das Anmeldefenster ist bis zum 17. Juli 26 geöffnet.)
Lesung mit Dana Grigorcea – 2. Kindergartenklasse, 1.–2. Primarklasse
Dana Grigorcea (geb. 1979 in Bukarest) ist eine schweizerisch-rumänische Schriftstellerin, die heute in Zürich lebt und auf Deutsch schreibt. Nach Studien in Bukarest, Gent, Brüssel und Krems arbeitete sie zunächst als Journalistin und Filmemacherin. Für ihre Romane und Erzählungen wurde sie mehrfach ausgezeichnet, darunter mit dem Schweizer Literaturpreis 2022 für ihren Roman «Die nicht sterben (Dracula Park)». Ihre Werke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und international veröffentlicht.